Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders

Am Beispiel meines Bruders

„75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG“, an diesen Satz denkt Uwe Timm öfter, während er versucht, dem 16 Jahre älteren Bruder, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, durch sein Tagebuch und seine Frontbriefe näherzukommen.

Meine Großtante ist Jahrgang 1911, hat zwei Weltkriege überlebt. Von meinem Onkel habe ich mal erfahren, dass sie während des Zweiten Weltkrieges Leute bei sich versteckt hatte. Ob es Juden waren oder Kommunisten, ich weiß es nicht. Ich habe mal leise versucht anzufragen, weil ich natürlich neugierig war. Aber sie hat nie etwas über diese Zeit erzählt. Und sie brauchte nicht mal ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie hat etwas getan.

Wie schwer mag es da wohl gewesen sein, von jemandem, der aktiv mitgemacht hat oder der weggeschaut hat, etwas zu erfahren? Hatten sie ein schlechtes Gewissen? Oder haben sie sich gerechtfertigt? „Wir haben doch nichts gewusst“, hieß es doch immer.
Uwe Timm hat an diesem Buch erst gearbeitet, als seine Eltern nicht mehr lebten. Hatte er Angst vor den Antworten?

„75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.“ Jedesmal wenn ich diesen Satz las, bekam ich eine Gänsehaut. Wie oft mag sich Uwe Timm die Frage gestellt haben: Hat mein Bruder geschossen?

Uwe Timm ist es wunderbar gelungen, an das Thema Schuld, Verdrängung, Verantwortung heranzugehen.

Elke Heidenreich meint zu diesem Buch: „Die Jungen sollten es lesen, um zu lernen, die Alten, um sich zu erinnern, und alle, weil es gute Literatur ist.“

Ich kann mich ihren Worten aus tiefstem Herzen anschließen.

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5 Kommentare zu „Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders

  1. Hallo Anne, der Autor ist sicher nicht so naiv zu glauben, dass sein Bruder während eines Krieges nicht geschossen hat. Diese Frage an sich geht ins Nichts und ist unnötig.
    Aber dass er bis zum Ableben der Eltern mit dem Schreiben des Buches gewartet hat, finde ich sehr nobel. Eltern verzeihen fast alles, sogar für das Töten eines Menschen finden sie immer neue Rechtfertigungen und Entschuldigungen für das Verhalten ihres eigenen Kindes. Aber auch Kinder versuchen immer wieder das Fehlverhalten der Eltern während eines Krieges zu verstehen. Das ist eine sehr bittere Erfahrung!
    LG Angela

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    1. Moin, liebe Angela,
      ich glaube nicht, dass die Frage unnötig ist. Als Familienmitglied würde ich mir immer vorstellen, derjenige käme nicht in die Verlegenheit, schießen zu müssen. Und ich möchte mir auch vorstellen, dass es Menschen gab, die im Krieg nicht geschossen haben. Die sich verweigert haben, auch mit eventuellen schlimmen Konsequenten.
      Liebe Grüße, Anne

      Gefällt 1 Person

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