Dirk Hempel/Frauke Reinke-Wöhl: „Wie eine Schädeldecke“ – Walter Kempowskis Haus Kreienhoop

Von Dirk Hempel habe ich vor einiger Zeit die wundervolle Biografie über Walter Kempowski vorgestellt.
Im jetzigen Buch stellt er uns gemeinsam mit Frauke Reinke-Wöhl Haus Kreienhoop vor. Kempowskis literarisches Refugium. Das er schon begann zu planen, als er in Bautzen einsaß. Es wurde nach und nach errichtet und von seinen Einkünften als Schriftsteller finanziert.
Laut Hempel hatte Kempowski Spaß daran, den beiden sein Haus und die Schränke zu öffnen, sich in Pose zu setzen.
Ich weiß nicht, ob er von den Landfrauen, die ihn regelmäßig besuchten, auch immer so erfreut war:

Nartum, 27. Juni 1991
Gegen Abend 30 Landfrauen, die unser Haus besichtigen wollten. Ich zog mich zurück und ließ es Frau Schönherr machen, die die Damen ja auch eingeladen hatte.
Unter solchen Umständen muß ich arbeiten. Ein Wunder, daß ich überhaupt etwas zustande bringe. Ich blieb am Schreibtisch sitzen und war ebenfalls zur Besichtigung freigegeben.


Aus: Somnia – Tagebuch 1991 von Walter Kempowski

Ich habe schon so viel andeutungsweise von Kreihenhoop gehört, dass ich richtig gespannt war auf dieses Buch.
Die Fotografin Frauke Reinke-Wöhl fühlte sich willkommen bei den Kempowskis. Bei den frühnachmittäglichen Teestunden wurde geplaudert oder man plante die Arbeit. Wenn Walter Kempowski Lust hatte, bot er selbst an, sich fotografieren zu lassen: So, jetzt machen wir mal ein paar richtige Dichter- und Denkerbilder, wie sich das gehört natürlich in Schwarz-Weiß. Eine sehr schöne Fotoserie mit dramatischen Helldunkel-Kontrasten entstand auf diese Weise. Sie durfte ihm einfach folgen und beim Lesen, Signieren, im Turm oder am Flügel fotografieren.

Kempowski lebte nicht nur im Haus Kreienhoop bei Nartum. Das Haus selbst ist zur Literatur geworden durch die Schilderung im Roman Hundstage, ja auch in den Tagebüchern Sirius, Alkor, Hamit und Somnia. Auch heute noch finden hier Hausführungen, Tagungen, Konzerte und Lesungen statt.

Schon wenige Tage nach Bautzen begann er mit der Arbeit an den Romanen, die sich dann zur neunteiligen Deutschen Chronik entwickelten. Er sammelte auch schon Tagebücher, Briefe und Fotos, die zur Grundlage für sein Echolot wurden.

In dem berühmten, zweiundzwanzig Meter langen Büchergang stehen 10.000 Bücher plus einer Videosammlung historischer Spielfilme.
So wie das schriftstellerische Werk wuchs, so wuchs auch das Haus: 700 Quadratmeter Wohn- und Arbeitsfläche, das Grundstück wuchs durch Landkäufe auf mehr als 3000 Quadratmeter heran. Das Haus ist erst einmal ein Ort für literarische Requisiten. Hier finden sich viele Dinge, die in seinen Romanen eine Rolle spielten.

Von 1983 bis 1986 gab es hier Schriftstellertreffen, die Veranstaltung Literatur in Kreienhoop wurde geboren. Die Lyrikerin Barbara Honigmann erinnert sich:

Es begannen also die drei Arbeitstage, mancher würde vielleicht sagen, daß es anstrengend gewesen sei, aber ich habe mich irgendwo die gaze Zeit verwöhnt gefühlt, wie die Stunden da hinflossen mit Vorlesen und Lesen und Reden und Diskutieren und Essen und Sitzen und Quatschen und hinterher ganz spät am Abend noch durchs Dorf gehen. Alles war vorbereitet, keine Hausarbeit, kein Einkaufen, Kochen, Waschen, Bügeln usw. noch nebenbei. Beinahe wie Ferien, drei Tage nur unter Lese- und Schriftmenschen.

Am 16. Juni 1997 fand hier das Projekt Bloomsday ’97 statt:

Neunzehn Stunden lang wurde durch 37 Kanäle gezappt, jeweils 10-20 Sekunden Aufenthalt bei jedem Kanal. Der Videorekorder zeichnete alles auf. Ein griechisches Restaurant lieferte das Essen und im Nachbardorf hielt sich für alle Fälle der Hausarzt bereit. Im Dezember 1997 erschien in der FAZ dazu eine Rezension.

Auch Volkshochschulkurse gab es hier. Zum Schluss kam immer das Archiv dran: Sie denken schon, das war’s, und dann kommt es ,dicke‘. Zum Abschied gab es dann auch immer die Aufforderung, ihm Tagebücher und Briefe zu besorgen.

Haus Kreienhoop ist nicht nur Literatur, nein, es beherbergt auch jede Menge Kunst: Gemälde, Skulpturen und vieles mehr.

2004, zum 75. Geburtstag Kempowskis, bedankte sich der damalige Bundespräsident Johannes Rau bei ihm:

Sie haben den Deutschen etwas geschenkt, was wohl kein anderes Volk hat: Ein lesbares Archiv seiner Hoffnungen und Irrtümer, seiner Sehnsüchte und seines Versagens. Dafür sage ich Ihnen heute ganz offiziell als Bundespräsident meinen Dank.

Das Vermächtnis von Walter Kempowski wird heute von der Stiftung Haus Kreienhoop fortgeführt.
So richtig mochte ich das Buch gar nicht zuklappen, mochte nicht Abschied nehmen von diesen wundervollen Bildern. Frauke Reinke-Wöhl hat beide – den Schriftsteller Walter Kempowski und sein Haus Kreienhoop – aufs Beste eingefangen.

Ich freue mich schon auf die nächsten Werke von Walter Kempowski.

 

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3 Kommentare zu „Dirk Hempel/Frauke Reinke-Wöhl: „Wie eine Schädeldecke“ – Walter Kempowskis Haus Kreienhoop

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